16.02.2011
Ikarus befindet sich bis heute in vielköpfiger Gesellschaft. Heiner Brand beispielsweise, der Trainer der deutschen National-Handballmannschaft. Der Mann mit dem Walrossbart führte die Mannschaft 2007 zum Weltmeistertitel. Auch die Projektmanager feierten seinen Triumph, als er auf dem „Internationalen Deutschen Projektmanagement Forum“ über Teamführung und Höchstleistung sprach. Doch der Lichtgestalt des deutschen Handballs blieb der Erfolg nicht treu. Kürzlich erlebte seine Mannschaft zur Weltmeisterschaft ihr „Waterloo“. Hätte Heiner Brand auf der Höhe seines Erfolgs doch eine Auszeit genommen, jammert mancher Sportfan. Oder wäre er nach dem Weltmeistertitel, im Zenit seines Trainerlebens, ruhmreich abgetreten – als ewiger Held im Olymp des Sporthimmels.
Auch Projektmanagern geht mitunter der Blick dafür ab, wann sie ihre maximale Flughöhe erreicht haben. Der Ikarus von heute will immer neue, schwierigere Projekte stemmen und von Triumph zu Triumph steigen. Früher oder später verbrennen die meisten, erleben ein Fiasko wie einst Feldherr Napoleon bei Waterloo. Ein Krug, sagt man, geht zum Brunnen, bis er bricht. Danach bleibt er als Scherbenhaufen in Erinnerung.
Heute hat man schnell das Schlagwort „Burn-out“ bei der Hand. Im Januar 2011 wählte das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ das Thema Erschöpfungsdepression als Aufmacher und gab somit dem Burn-out den Ritterschlag zum Trendthema. Das Magazin lieferte gleich auch prominente Beispiele für ausgebrannte Menschen: Matthias Platzeck beispielsweise trat vom Amt des SPD-Bundesvorsitzenden zurück. Sven Hannawald beendete 2005 seine Skispringer-Karriere. Fernsehkoch Tim Mälzer fühlte sich, als wären „die Stromkabel durchgeschnitten“.
Hinweise gibt Professor Hans A. Wüthrich (Universität der Bundeswehr, München). Der Wissenschaftler befasst sich mit erfolgreichen Managern, denen es zur Gewohnheit geworden ist, von Zeit zu Zeit das eigene Führungsverhalten in Frage zu stellen und eingefahrene Arbeitsmuster zu durchbrechen. So unterschiedlich diese Manager-Persönlichkeiten sind – gemeinsam ist ihnen die Fähigkeit der Reflexion. Sie nehmen immer wieder Abstand von ihrer Arbeitswelt. Sie besinnen sich und begeben sich auf die Suche nach neuen Wegen zu ihren Zielen. „Was heute zu vielen teuren Fehlern im Geschäftsleben führt, ist zu schnelles, eruptives und aktionistisches Handeln“, erklärt Wüthrich in einem Interview mit der Zeitschrift „Projektmanagement aktuell“. Wer besinnungslos unter hohem Druck arbeitet, greift oft reflexhaft auf eingeschliffene Verhaltensmuster zurück. „Man sucht nicht mehr nach passenden Lösungen, sondern reproduziert blind Bekanntes“, warnt der Experte. Zweifellos, solch ein Verhalten ist pures Gift für Projektarbeit.
Eine persönliche Strategie des Innehaltens, Auszeit-Nehmens und Reflektierens hätte wohl auch Ikarus, den gefallenen Flieger, retten können. Er hätte erkannt, dass er für seine Höhenflüge andere Flügel braucht. Oder dass er die Sonne schlichtweg nicht zu erreichen vermag. Wie auch immer, Ikarus wäre mit ein wenig Selbstbesinnung vielleicht als erster Himmelsstürmer in die Sagenwelt eingegangen – und nicht als ihr erster Bruchpilot.
Über Dr. Roland Ottmann
Roland Ottmann ist Gründer der Ottmann & Partner GmbH Management Consulting (www.ottmann.de) und gilt als ausgewiesener Experte für Projektmanagement. Er studierte Maschinenbau sowie Betriebswirtschaftslehre (MBA) und promovierte zum Dr. Phil. an der Ecole Supérieure de Commerce – Lille et Paris. Seit 1985 sammelte er praktische Erfahrung im Projektmanagement als Projekt- und Programmleiter, Berater, Trainer (u.a. für das 4 Level Qualifizierungskonzept der IPMA International Project Management Association) und Coach für Projekt- und Programmmanager. 1996 initiierte er den Deutschen Projektmanagement Award und 1998 den International Project Management Award.
Weiterführende Links:
Der Mythos von Ikarus
"Der Spiegel" zum Thema „Ausgebrannt – Das überforderte Ich“
Fachzeitschrift "Projektmanagement aktuell"
Buch "Die Kunst des Projektmanagement. Inspiriert durch den Wandel"